Foto: Innovation City

Interview mit Stefanie Hugot, Leiterin der Koordinierungsstelle Integrierte Stadtentwicklung / InnovationCity der Stadt Bottrop.

 

In der Bewerbungsphase für die InnovationCity war der Rückhalt in der Bevölkerung ein Alleinstellungsmerkmal der Stadt Bottrop. Was hat das Engagement der Bürgerinnen und Bürger Ihrer Meinung nach ausgemacht?

Bottrop hat beim Thema Bürgerbeteiligung eine durchaus positive Vergangenheit. Wir haben eine sehr aktive lokale Agenda-Zeit  in Bottrop hinter uns. Frühzeitig haben wir uns mit nachhaltigen Themen auseinander gesetzt und im Zuge dessen hat sich schon früh eine sehr aktive Bürgerbeteiligung gebildet. Wir waren es gewohnt, zu kompletten Projekten Planungswerkstätten abzuhalten. Viele Dinge haben wir schon vor der InnovationCity mit Unternehmen vor Ort bearbeitet, beispielsweise über Ökoprofit. Hierbei erarbeiten wir zusammen mit Unternehmen Klimaschutzmaßnahmen, wie etwa Maßnahmen zur Energieeinsparung. Deshalb war es immer relativ einfach, erfolgreiche Projekte, die aus einer derartigen Beteiligung heraus entstanden sind, als Türöffner für weitere Projektideen zu nutzen. 

Zu der Zeit der Bewerbung zur InnovationCity war bereits klar, dass im Jahr 2018 die letzte Zeche in Bottrop schließen wird. Die Bottroper Bürger und die Bottroper Verwaltung waren damals gleichermaßen auf der Suche nach einer neuen Marke, einem neuen Identifikationsmerkmal. Mit dem Slogan „Von der alten zur neuen Energiestadt“ konnten sich alle bestens identifizieren. Die Bottroper haben für sich verinnerlicht, dass dieses Motto ein neues Bild für ihre Stadt sein kann. Besonders faszinierend ist in meinen Augen immer noch, dass wir 20.000 Unterschriften für die Bewerbung für die InnovationCity gesammelt haben. Der Andrang auf Informationsveranstaltungen zur Bewerbung war zum Teil überwältigend. Gleichzeitig haben wir aus der Politik, die wir als Unterstützung über den Rat auch für die Bewerbung benötigten, einstimmig positive Signale erhalten.

Klimaschutzmaßnahmen werden in der breiten Bevölkerung oft mit zusätzlichen Bürden für das alltägliche Leben verbunden. Welche Vorteile bringt der in der InnovationCity Ruhr umgesetzte Klimaschutz der Bevölkerung für ihr persönliches Umfeld? Wie schnell wurden den Bürgerinnen und Bürgern diese Vorteile eines gesamtheitlichen Klimaschutzansatzes bewusst?

InnovationCity steht unter dem Label „Blauer Himmel, Grüne Stadt“. Der „Blaue Himmel“ steht hier stellvertretend für das Thema Klimaschutz. Die „Grüne Stadt“ steht für die Verbesserung der Lebensqualität all jener, die sich in der Stadt bewegen und aufhalten, u.a. auch durch Klimaanpassungsmaßnahmen. Dieser Aspekt ist bei den Bürgern in ihrem direkten Wohnumfeld spürbar und für sie damit sehr relevant. Über unterschiedliche Projekte und Instrumente können wir den Bürgern eine spürbare Verbesserung der Lebensqualität nahe bringen, so zum Beispiel mit dem Projekt „Installation von 100 KWK-Anlagen“ oder dem Projekt „Radquadrat“. Hier wird ein Radweg als Route um die Innenstadt gelegt. Mithilfe solcher Projekte merken die Bewohner direkt, dass sich vor Ort etwas verbessert und dass sie Vorteile davon haben.

Für die Bottroper ist das, was die InnovationCity tatsächlich bewirkt, schlichtweg sichtbar. Herr Drescher, der Geschäftsführer der Innovation City Management GmbH, sagt immer so schön: „Man kann modernen Klimaschutz hier riechen, anfassen und schmecken.“

Bottrop hat sich mit dem Ziel bis zum Jahr 2020 die Hälfte der CO2-Menge im Vergleich zum Bezugsjahr 2010 einzusparen ein ambitionierteres Vorhaben gesetzt als die Bundesregierung.

Wie sehen Sie die Chancen, dass bis zum Ende der InnovationCity das gesetzte Ziel tatsächlich erreicht wird? Wo befindet sich Ihrer Meinung nach ungenutztes Potenzial, welches innerhalb des Projektzeitraumes noch nicht gehoben werden konnte?

Laut Halbjahresbilanz haben wir derzeit bereits 38,5 Prozent des Ziels erreicht. Die Zahl enthält allerdings auch prognostizierte Einsparungen von Projekten, die derzeit noch nicht vollständig umgesetzt sind, aber bis 2020 gesichert fertiggestellt sein werden. Die Innovation City Management GmbH ist zuversichtlich, dass das gesetzte Ziel erreicht wird. Es kommt auch immer wieder vor, dass sich neue Projekte ergeben, die wir 2015 noch gar nicht im Blick hatten. Ein Beispiel dafür ist eine große Photovoltaikanlage auf einem ehemaligen Friedhofsgelände am Quellenbusch in Bottrop. Diese Projekte tragen zusätzlich dazu bei, dass wir unserem Ziel näher kommen. 

Betrachtet man noch ungenutztes Potenzial, ist meiner Meinung nach im Bereich Mobilität noch einiges zu heben. Das ist allerdings ein Thema, welches wir auf kommunaler Ebene nur wenig beeinflussen können, da es eher regional geregelt wird. Was wir auf kommunaler Ebene in Angriff nehmen können und auch tun, ist der Ausbau und die Verbesserung unserer Radwege. Im Bereich ÖPNV arbeiten wir im Verbund mit Gelsenkirchen und dem gesamten Landkreis Recklinghausen zusammen, um neue Dinge anzustoßen. 

Daneben ist der Ausbau der E-Mobilität ein ständiges Thema. Die Ladesäuleninfrastruktur für E-Autos wird in Bottrop im ganzen Stadtgebiet ständig weiterentwickelt. Es bestehen Ladesäulen in Parkhäusern oder im Allgemeinen dort, wo die Menschen verweilen und ein guter Zugang zu E-Mobilität gegeben sein muss.

Welches der über 300 innerhalb der InnovationCity realisierten Projekte war am erfolgreichsten und womit ist dies zu begründen?

Da muss man zunächst einmal genau definieren, was Erfolg im Detail bedeutet. Erfolg ist für mich nicht unbedingt ein Zahlenwert. Wenn man sich allerdings daran messen möchte, dann kann man eindeutig sagen, dass die Aktivierung zur energetischen Modernisierung innerhalb der InnovationCity das erfolgreichste Projekt ist. Die Sanierungsquote liegt im Bundesdurchschnitt bei ca. 0,9 Prozent. Wir haben eine Quote von über 3 Prozent für die energetische Modernisierung erreicht. Zu diesem Erfolg sind wir über zwei Wege gelangt: Zum einen bieten wir eine kostenlose Erstenergieberatung an. Liegt das Objekt im Pilotgebiet der InnovationCity  kann zweitens ein Zuschuss für die energetische Sanierung in Anspruch genommen werden. Das haben andere Städte so bislang nicht auf den Weg gebracht. Die Bottroper Bürgerinnen und Bürger bekommen jeweils einen Zuschuss, wenn sie einen Heizungswechsel vornehmen wollen, die Fenster austauschen oder die Dämmung erneuern. Darüber hinaus bieten wir eine Sanierungsberatung vor Ort, im eigenen Haus an. Auf diese Weise werden Menschen erreicht, die aufgrund ihres Alters oder etwaiger Sprachbarrieren zunächst nicht von allein auf die Beratung zukommen würden. So erhoffen wir uns noch weitere Haushalte zu erreichen und für die energetische Sanierung zu sensibilisieren und zu mobilisieren.

Ein weiteres, in meinen Augen sehr erfolgreiches Projekt, ist unser Schulnetzwerk mit dem Thema Innovation City. Dieses besteht mittlerweile aus 12 Schulen, die schulformübergreifend neue Projekte mit dem Schwerpunkt Innovation City bearbeiten. Das Interessante ist hier neben der Arbeit der Schüler die Auswirkung auf die Haushalte, aus denen die Jugendlichen kommen. Die Inhalte der Innovation City werden so niederschwellig in die Bevölkerung getragen.

Für mich als Verwaltungsmitarbeiterin ist der größte Erfolg, den wir mit der Innovation City erreicht haben jedoch die neue Kultur der Zusammenarbeit. Verwaltungsmitarbeiter sitzen jetzt alle zwei Wochen an einem Tisch mit Projektausführenden, mit Unternehmen und mit der Wissenschaft. Alle zusammen erarbeiten neue Konzepte und Lösungsideen. Das gibt Prozessen ganz neuen, innovativen Schwung, fördert das integrale Denken und öffnet frühzeitig die Augen für die Probleme anderer. Dazu zählt auch die frühe Bürgerbeteiligung. Durch diesen Jour Fixe konnten wir ganz unbürokratisch und schnell neue Ideen auf den Weg bringen.

Welches Projekt hat ihrer Meinung nach den größten Vorbildcharakter für andere Regionen und kann anhand der Erfahrungen aus der Innovation City am ehesten in anderen Stadtgebieten umgesetzt werden?

Meiner Meinung nach ist das wieder das integrale Denken und Handeln in der Stadtverwaltung. Es ist einfach umzusetzen, aber man muss bereit sein, die entsprechende Struktur zu schaffen. Man muss integriert, nicht sektoral, denken und projektorientiert handeln. Im Prinzip ist diese Methode leicht zu übertragen und kostet nichts. Eventuell sind personelle Veränderungen erforderlich, aber im Prinzip kann das jede Stadtverwaltung übernehmen.

Was hat sich durch die nationale und internationale Vernetzung der Stadt Bottrop über diverse Labels und Dachunternehmen im Projektkontext der Innovation City ergeben?

Diese nationale, aber auch internationale, Vernetzung findet in erster Linie im Erfahrungsaustausch statt. Meine Kollegen aus dem Planungsamt haben beispielsweise über den Transatlantic Urban Climate Dialogue (TUCD) einiges über Planungsprozesse und Herangehensweisen aus Amerika gelernt. Da wurden Beispiele aufgezeigt, wie Städte, die ähnlich wie das Ruhrgebiet vom Strukturwandel betroffen sind, mit den Problemen umgegangen sind und welche Planungsansätze sich ergeben haben. Solche Erfahrungen nutzen wir gerne und übertragen Lösungsansätze gegebenenfalls auf ähnliche Problemstellungen bei uns vor Ort.

Auf nationaler Ebene tauschen wir uns regelmäßig mit anderen Regionen, die ebenso mit Strukturwandel zu tun haben, aus. Da kommen Städte, die von großen Stadtumbauprojekten betroffen sind, regelmäßig alle sechs bis acht Wochen zu unterschiedlichen Themenstellungen zusammen. Eines der letzten Themen behandelte beispielsweise die Mobilität im Quartier. Dazu werden unterschiedliche Programme oder Herangehensweisen vorgestellt und wir tauschen uns untereinander auf kommunaler Ebene aus. Wir geben und bekommen praktische Ratschläge für die alltägliche Planungsarbeit und müssen das Rad nicht immer neu erfinden.

Bottrop wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung als eine von 51 Städten innerhalb Deutschlands im Wettbewerb „Zukunftsstadt“ ausgewählt. Der Wettbewerb tritt damit die direkte Nachfolge der InnovationCity an. Welche Inhalte werden in der Zeit nach der Projektlaufzeit der Innovation City in der „Zukunftsstadt Bottrop“ fortgeführt und welche Themen werden ganz neu aufgegriffen? 

Der „Zukunftsstadt-Prozess“ ergänzt und erweitert das Projekt InnovationCity sowohl räumlich als auch thematisch. Neben dem Klima- und Strukturwandel sollen auch der demographische Wandel und die Anforderungen an ein Zusammenleben aufgegriffen werden. Ziel ist es, eine gesamtstädtische Vision 2030+ zu entwickeln, ohne dabei die örtlichen Gegebenheiten zu vernachlässigen. Die bereits im Rahmen des Masterplans klimagerechter Stadtumbau konzipierten Handlungsfelder Wohnen, Arbeiten, Energie, Mobilität, Stadt und Aktivierung wurden im Sinne einer sozialen und ökonomischen Nachhaltigkeit ergänzt.

 

Das Interview führte Svenja Bock für die KlimaExpo.NRW im August 2017.